Armut hat viele Gesichter
Diözesanrat setzt beim Neujahrsempfang in Salzgitter Zeichen gegen das Wegsehen
Unter dem bewegenden Titel „(Un)sichtbar – Armut hat viele Gesichter“ lud der Diözesanrat der Katholik*innen im Bistum Hildesheim am 17. Januar zu seinem traditionellen Neujahrsempfang ein. Rund 120 Gäste aus Politik, Kirche und Gesellschaft kamen in der Familien-Bildungsstätte (Fabi) in Salzgitter zusammen, um über eines der drängendsten sozialen Themen unserer Zeit zu diskutieren.
Hinschauen als christliche Familienangelegenheit
Moderator Diakon Andreas Handzik eröffnete die Veranstaltung mit einem eindringlichen Appell: „Hinschauen und Hinhören ist entscheidend. Es geht um Menschen wie du und ich. Wir müssen aktiv werden, damit niemand in unserer Gesellschaft unsichtbar bleibt.“
Dieser Gedanke wurde im Grußwort des Bischofs vertieft, der auf das päpstliche Lehrschreiben Dilexi te Bezug nahm. Er betonte, dass die Sorge um die Armen keine bloße Frage der Sozialstatistik sei, sondern eine „Familienangelegenheit“ der Christen. „Wir wollen ein einladendes Bistum bleiben, in dem alle Menschen willkommen sind“, so der Bischof, der den Diözesanrat dabei als unentbehrliche Stimme für Haltung und Wertschätzung würdigte.
Armut in der Kommune: Zwischen Krankheit und Struktur
Salzgitters erster Bürgermeister Stephan Klein beleuchtete die kommunale Perspektive und warnte vor der Suche nach Sündenböcken in schwierigen sozialen Lagen. Er wies auf den fatalen Teufelskreis hin: „Viele Menschen sind arm, weil sie krank sind – und krank, weil sie arm sind.“ Gleichzeitig lobte er das starke Netzwerk in Salzgitter, das in der Armutsprävention und im Kampf gegen Kinder- und Altersarmut eng zusammenarbeitet.
Stephanie Temborius, Leiterin der Familien-Bildungsstätte, ergänzte als Gastgeberin, dass Bildung zwar Teilhabe ermögliche, aber strukturelle Probleme mutiges Handeln der gesamten Gesellschaft erforderten.
Fakten und Analysen: Armut im reichen Land
Zwei engagierte Referate lieferten die wissenschaftliche Basis für die Diskussion:
- Dr. Judith Niehues (Institut der deutschen Wirtschaft, Köln) räumte mit Vorurteilen auf: Während das Armutsrisiko von Rentnern oft überschätzt werde, sei das von Kindern real deutlich höher. Sie bezifferte die Armutsquote in Deutschland auf 16 % und zeigte im europäischen Vergleich (z. B. Tschechien unter 10 %) auf, wie unterschiedlich Wohlstand und Gefährdung verteilt sind.
- Prof. Dr. Georg Cremer (ehem. Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes) bezeichnete Armut in einem reichen Land als „Skandal“. Er kritisierte, dass der Sozialstaat versage, wenn ein Viertel bis die Hälfte der Berechtigten im Rentenalter ihre Ansprüche auf Grundsicherung aus Scham oder Unwissenheit nicht geltend mache. Er forderte dazu auf, stets den persönlichen Schicksalsweg hinter der Statistik zu sehen.
Best Practices: Hilfe, die ankommt
Wie konkretes Handeln aussieht, zeigten Praxisbeispiele aus dem Bistum:
Dörte Albrecht und Helene Erhardt vom Mariano-Josephinum stellten den „Hildesheimer Wohlfühlmorgen“vor, bei dem Schüler*innen einen Vormittag für Obdachlosen und Armen gestalten, der neben Verpflegung auch medizinische Hilfe, Kleidung und ein gemütliches Beisammensein anbieten. Mia Mohr und Sebastian Geißler (BDKJ) vom Beratungsladen „Frederick“ in Hannover berichteten von ihrer Arbeit für Berufsschüler*innen, die Hilfe bei Themen aus dem Privater, Schule oder im Bewerbungsprozess suchen.
Fazit: Mutig für Gerechtigkeit einstehen
Der Vorsitzende des Diözesanrates, Dr. Christian Heimann, zeigte sich erfreut über das große Interesse: „Der heutige Tag bietet Raum für neue Verbindungen und vielfältige Ideen. Wir müssen nachhaltig im Gespräch bleiben und mutig für Gerechtigkeit einstehen.“
Hinweis: Die Ausstellungen zum Thema Einsamkeit (Caritas Südniedersachsen) und prekäre Arbeitsbedingungen (KEB), die während des Empfangs präsentiert wurden, sind noch bis Ende Februar zu den regulären Öffnungszeiten in der Familien-Bildungsstätte Salzgitter zu besichtigen.












