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Meine Vison von Kirche 2030 ist eine Kirche der Entschiedenen

 - Monika Feld
Monika Feld, Vertreterin der Gemeindereferenten/-innen

Die Gremienwahlen – eine Last oder vielleicht doch eher eine Chance für unsere Kirche?

Im November werden in unseren Pfarreien die Gremien Pfarrgemeinderat, Kirchenvorstand, Pastoralrat und Teams gemeinsamer Verantwor-tung gewählt. In dieser für unsere Kirche stürmischen Zeit suchen wir Menschen, die sich mit ihren Begabungen und mit viel Engagement ein-bringen, wohl wissend, dass sie dabei oft von der Gesellschaft als Repräsentant*innen der Kirche für Verfehlungen anderer verantwortlich gemacht werden.
Die Erwartungen und Wünsche an die Gremien sind groß: Die Kirche soll wieder voller werden, mehr Kinder und Jugendliche im Gottesdienst wären schön, der Glaube muss an die nächste Generation weitergegeben werden, die Kirche soll sich möglichst in gesellschaftlichen Fragen engagieren, die Bedürftigen in unserer Nachbarschaft brauchen doch auch Hilfe, regelmäßige Gottesdienste – vor allem Eucharistiefeiern – sollen angeboten werden, in den Kirchen stehen Renovierungen an ... – ein bunter Strauß an Wünschen, die für sich genommen auch nachvollziehbar und sinnvoll sind, aber in einer Zeit des Priester- und vor allem Gläubigenmangels in unseren Kirchen doch für viele schwer umsetzbar erscheinen.
Und dann auch noch die Corona-Pandemie: Vieles muss ausfallen, wird verworfen und neu geplant. Wie kann man in einer solchen Situation Kandidierende finden und Menschen zur Wahl motivieren? Sind das nicht gute Gründe, auf Wahlen zu verzichten oder sie zumindest zu verschieben? Ich bin mir sicher, dass die eine oder andere Pfarrei sich gerade diese Frage stellt und ernsthaft überlegt, wie es jetzt weitergeht.


Haben wir vielleicht zu hohe Erwartungen an die Mitglieder in den Gremien?
Wenn man bei der Umsetzung der vielen Wünsche nur auf die „Hauptamtlichen“ und die Mitglieder der Gremien schaut, erscheint es wie eine unlösbare Aufgabe, die die Gremien, aber auch jeden einzelnen überfordern würde.
Vielleicht aber müssen wir unser Kirchenbild einmal überdenken. Das Kirchenbild früherer Zeit, das uns alle vermutlich noch immer stark prägt, erinnert mich an ein Theater oder Kino: Viele Menschen sitzen in den Bänken und verfolgen gespannt das, was „da vorne“ passiert. Dem einen Teil reicht das Zuschauen, ein anderer Teil möchte mitmachen, darf aber nicht, einem weiteren Teil gefällt das Programm nicht und er geht – manchmal für immer –, und wieder andere kommentieren das Geschehen von der Seitenlinie. Oft sind Sätze zu hören wie: „Wir sollten mal wieder ...“, eigentlich gemeint ist aber: „Die da vorne sollten doch mal ...“.

Was wäre aber, wenn wir alle zusammen das Programm gestalten? Ja, man braucht sicherlich auch die
Phase des einmal-in-der-Bank-Sitzens und Zuschauens, aber es wäre doch auch schön, wenn der eine
oder die andere die Möglichkeit wahrnimmt, am Programm mitzugestalten. Jeder von uns hat von Gott
seine persönlichen Gaben mitbekommen, davon bin ich überzeugt. Wäre es da nicht gut, wenn wir
diese auch in unserer Pfarrei einsetzen können? Jeder nach seiner Fähigkeit – im Gottesdienst, bei
den Menschen, in der Jugendarbeit, in der Caritas, wo auch immer man sich einbringen kann und
möchte. Die Mitglieder der Gremien zusammen mit der Gemeinde haben die Aufgabe, Talente zu entdecken,
zu fördern und den Menschen Raum zu bieten, diese zu entfalten. Dazu müssen sie sich auch
einmal zurücknehmen. Die Gremien sollen und dürfen nicht alles allein machen, sondern sie müssen
Rahmen schaffen und Menschen begleiten. Im Fußball wären sie vielleicht eine Art Spielertrainer.
Dies ist sicherlich kein einfacher Prozess. Dazu gehört auf jeden Fall Mut, auch einmal zu scheitern,
und eine Kultur des wechselseitigen Vertrauens und der Unterstützung. Zu oft empfinden wir aber
immer noch Mangel und Abbruch, zu selten erkennen wir die Aufbrüche. „Seht her, nun mache ich
etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19).


Das Profil der Räte – Diversität als Chance
Manchmal wirkt es wie ein Paradoxon: Scheinbar gibt es immer weniger Menschen, die sich in der
Pfarrei engagieren, und gleichzeitig sieht es so aus, als wenn immer mehr Räte entstehen. An die Stelle
der klassischen Räte Pfarrgemeinderat (PGR) und Kirchenvorstand (KV) treten die Pastoralräte und
dazu kommen dann noch vor Ort die Teams gemeinsamer Verantwortung (TGV). Haben wir nicht die
gleichen Strukturen wie vor den vielen Fusionen, nur mit anderen Namen – also alter Wein in neuen
Schläuchen? Wie sollen wir da Menschen finden, die sich hier engagieren, wo wir doch scheinbar
immer weniger werden? Hier liegt aber der Denkfehler Es geht nicht darum, die Gläubigen, die sich
bereits engagieren, auf noch mehr Gremien zu verteilen, sondern weitere Ebenen der Beteiligung zu
ermöglichen, die vielleicht andere Menschen aus der Pfarrei ansprechen und für die die bisherigen
Gremien mit ihrer Ausrichtung nicht attraktiv waren. Hier liegt in der Vielfalt der Gremien eine große
Chance. Jedes der Gremien hat sein eigenes Profil und spricht damit unterschiedliche Menschen an.
Während Gremien wie PGR und KV die Gesamtpfarrei und damit das Ganze im Blick haben, richtet sich
der Blick der Teams gemeinsamer Verantwortung stärker auf die „Kirche vor Ort“, eingebettet in der
Gesellschaft mit all ihren Herausforderungen. Das Zusammenspiel zwischen den TGVs und den
Gremien auf Pfarreiebene wird dann gut gelingen, wenn sie wertschätzend und in gegenseitigem Vertrauen
zusammenarbeiten. PGR und KV geben Leitplanken vor, kümmern sich um die strategische
Ausrichtung der Pfarrei und setzen damit Eckpfeiler, hören aber gleichzeitig auf die lokalen Teams und
nehmen deren Standpunkte wahr. Team gemeinsamer Verantwortung fokussieren ihr Handeln auf
ihren Sozialraum mit den Menschen vor Ort, mit ihren Sorgen und Ängsten, ohne aber die Pfarrei als
Ganzes aus dem Blick zu verlieren. Es wird umso einfacher gelingen, Menschen für die unterschiedlichen
Gremien zu gewinnen, je klarer das Profil der Gremien umrissen ist. Dabei stehen die Gremien
nicht in Konkurrenz, es gibt auch kein oben und unten, sondern sie ergänzen sich, jeweils auf ihre Art
und Weise. Dann ist das Ganze deutlich mehr als die Summe der Teile.

Demokratische Legitimation – Basis für mehr Verantwortung und breitere Akzeptanz
Betrachtet man über die Jahre die abnehmende Wahlbeteiligung bei den Gremienwahlen und auch
die Schwierigkeiten bei der Kandidatensuche, so kann man schnell zum Schluss kommen, dass sich das
Modell der Wahlen überlebt hat. Die Mitarbeit in den Gremien scheint nicht mehr attraktiv zu sein,
weil die Gremien aus dem Blickwinkel vieler wenig Einfluss haben. Und wenn es nur so viele Kandidat*innen wie Plätze gibt, dann lohnt sich für manchen noch nicht einmal der Gang zur Wahlurne. Da ist es auch nicht zu verdenken, wenn die eine oder andere Pfarrei lieber mit den Wahlen warten möchte oder die Idee entsteht, Kandidat*innen eher zu benennen als sie zu wählen. Im Kontext des synodalen Weges und auch im Zusammenhang mit anderen Formen von Leitung, wird die Bedeutung und nicht zuletzt auch die Notwendigkeit von Wahlen jedoch zunehmen. Wenn wir als Gemeindemitglieder mehr Verantwortung übernehmen wollen, so kann dies aus meiner Sicht nur einhergehen mit einer demokratischen Legitimation der Mitglieder und damit der Gremien. Die Form, wie diese zustande kommt, wird von der Situation, die wir vor Ort vorfinden, abhängen. Ich bin mir aber sicher, dass in den meisten Fällen angemessene Lösungen gefunden werden, wie die Gemeinde ihre Zustimmung oder ihre Wahl ausdrücken kann. Die Transparenz, wie Gremien entstehen, und die Breite der Zustimmung bei der Auswahl der Mitglieder korreliert aus meiner Sicht mit der Akzeptanz der Entscheidungen, insbesondere wenn diese unangenehm sind. Und wenn sich wirklich nur so viele Kandidat*innen aufstellen lassen, wie es Plätze gibt, so macht doch eine hohe Wahlbeteiligung deutlich: Wir als Pfarrgemeinde stehen hinter euch und tragen eure Entscheidungen – auch wenn sie unbequem sind – mit!

Offener und ehrlicher Dialog in den Gremien – Grundlage für gute Lösungen
Die Bereitschaft in Gremien mitzuarbeiten, hängt nicht nur von deren Bedeutung und Profil ab, sondern nicht zuletzt auch von der Art und Weise, wie wir innerhalb der Gremien miteinander umgehen. Sollen unsere Gremien attraktiv sein, brauchen wir eine Gesprächskultur, die eine Atmo-sphäre des offenen und ehrlichen Dialogs ermöglicht, damit sich jeder und jede mit seiner/ihrer Meinung einbringen kann. Auch wenn diese manchmal unbequem erscheint. Das erreichen wir, wenn die Mitglieder wertschätzend miteinander umgehen, gemeinsame Ziele verfolgen und um die beste Lösung ringen – sie sind aber weder Freundeskreise noch Interessensgruppen. Gremien sollen viel-mehr ein Spiegelbild der Pfarrei sein, und die ist mehr als die Sonntagsgemeinde. Produktive Gremien leben von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder. Das führt zwar zu mehr Diskussionen bei der Lösungsfindung, aber ganz neue Ideen und Innovationen werden entstehen, und das macht eine Pfarrei lebendig und schlussendlich lebensfähig.
Ich lade alle ein, sich mit ihren Fähigkeiten und Begabungen einzubringen und unsere Kirche gemein-sam mitzugestalten. Dazu sind die Wahlen eine gute Möglichkeit. Gerade die jetzt zu wählenden Gremien haben die einmalige Chance, Ideen und Entscheidungen aus dem Synodalen Weg und Ergeb-nisse aus der Bischofssynode in Rom auf die Ebene der Pfarrei und der Teams gemeinsamer Verant-wortung zu übertragen. Viele bisherige Gewissheiten werden in den nächsten Jahren in Frage gestellt, und neue Chancen tun sich auf. Gerade jetzt brauchen wir starke Gremien, die die Gemeinde durch die hohe See steuern und das gelingt deutlich besser mit breiter Zustimmung und Akzeptanz innerhalb der Pfarrei.
Wenn sich viele einbringen, fördert das die Vielfalt in unserer Pfarrei, an unserem Kirchort, in unseren Gruppen. Dann gelingt eine Kirche des Aufbruches, eine Kirche der Freude Vieler – weniger eine Kirche der Last des Einzelnen. Wenn wir also das nächste Mal auf der Zunge haben „man sollte ...“, überlegen wir doch, ob wir nicht auch sagen könnten „wer möchte mit mir...“.

Autor: Dr. Christian Heimann ist der Vorsitzende des Diözesanrates der Katholik*innen im Bistum Hildesheim.