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Die Kirche ist "in der Welt" präsent und dafür engagieren sich die Menschen.

 - Prof. Dr. Ursula Bilitewski
Prof. Dr. Ursula Bilitewski, Durch Bischof Trelle berufenes Mitglied

Stellungnahme zur Vatikan Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien

Zum am 20. Juli 2020 veröffentlichten Schreiben aus dem Vatikan nehmen der Vorsitzende des Diözesanrates der Katholik*innen im Bistum Hildesheim, Dr. Christian Heimann, und der Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bischöflichen Generalvikariat Hildesheim, Rat Dr. Christian Hennecke, in einem gemeinsamen Interview Stellung.

Wie empfinden Sie, Herr Rat Dr. Hennecke, und Sie, Herr Dr. Heimann, den Text der Kleruskongregation?

Heimann: Das Schreiben der Kleruskongregation mit dem Titel „Die Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien“ hat mich in vielen Punkten doch sehr überrascht: vom Titel „pastorale Umkehr“, vom Zeitpunkt inmitten des synodalen Weges und von den darin enthaltenen Bildern, die ich in mir wahrnehme, wenn ich den Text lese.

Hennecke: Das heiß diskutierte Dokument der Kleruskongregation wird auch für das Bistum Hildesheim von erheblicher Bedeutung sein. Es geht ja in der Diskussion vor allem um die Frage der sakramentalen Leitungsaufgabe des Pfarrers in den Pfarreien unseres Bistums. In unserem Bistum haben wir durch den überpfarrlichen Personalseinsatz immer deutlich gemacht, dass in allen Pfarreien ein leitender Pfarrer Verantwortung für die Pfarrei trägt. Auf der Ebene der vielen Gemeinden und gemeindlichen Formen setzen wir seit Jahren – gemeinsam mit dem Diözesanrat – auf Teams Gemeinsamer Verantwortung (sie werden auch lokale Leitungsteams genannt), die das Leben der Gemeinde vor Ort führen und verantworten sollen.

Herr Rat Hennecke, wie sehen Sie die Auswirkungen für das Bistum?

Hennecke: Wir haben da einen anspruchsvollen und langen Weg begonnen, der sich an einigen Stellen schon deutlich entwickelt hat. Dieser Weg ist von kritischen Anmerkungen des Schreibens aus Rom nicht betroffen, da es hier um Gemeindeformen unterhalb der kirchenrechtlichen Vorgaben zur Pfarrei geht.

Wo sehen Sie Kritikpunkte?

Heimann: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Text zu mindestens sehr unglücklich formuliert ist, nämlich wenn von Mitarbeit und Beauftragung anstatt von Partizipation gesprochen wird, wenn der Leitungsbegriff scheinbar in einen Gegensatz zum Teamgedanken gestellt wird, und wenn die Wortwahl eine sehr starke Priesterzentriertheit vermuten lässt.

Hennecke: Die Sprache dieses Dokuments bleibt sperrig und verdient dennoch eine intensive Diskussion. Sie macht aufmerksam auf Herausforderungen, vor denen wir zweifellos stehen. Die Kritik an der Priesterzentrierung kann ich nachvollziehen, weil doch im zweiten Teil deutlich von einer ständischen Kirche her gedacht wird – die Diskussionspunkte aber nehmen wir auf.

Was bedeutet für Sie Partizipation?

Hennecke: Die Partizipation aller Getauften und die verschiedenartigen Leitungsaufgaben der Christen vor Ort wollen wir weiter stärken. Genau diese Partizipation aller Getauften wird im Übrigen im ersten Teil des Dokuments unterstrichen. Wir fühlen uns hier auf unserem Weg, den wir sorgfältig durchdacht haben und Schritt für Schritt prozesshaft ins Leben bringen, gestärkt.

Heimann: Das für mich wünschenswerte Bild einer partizipativen Kirche vor Ort bei den Menschen, an der auf Augenhöhe gearbeitet wird, kommt in dem Text nicht heraus - ich würde sogar sagen, dass die verwendeten Begriffe eher in eine andere Richtung zeigen, wenn das Wort Leitung im Zusammenhang mit Laien als schwierig angesehen wird. Mir kommt dies sehr befremdlich und rückwärtsgewandt vor.

Warum reiben sich so viele Menschen an diesem Text?

Heimann: Mir scheint es, dass der Begriff Leitung aus der Sicht der Verfasser eine andere Bedeutung hat, als das Leitungsverständnis, das uns im alltäglichen Leben, im Jahr 2020 im Bistum Hildesheim, prägt. Das irritiert und verunsichert viele Menschen.

Hennecke: Man merkt dem Papier an, dass es sich um die sakramentale Grundgestalt der Kirche und dem sakramentalen Leitungsdienst sorgt. Leider beschreibt der Text nicht deutlich, was er darunter versteht. Und das wird eine der Aufgaben sein, die wir hier im Bistum gemeinsam mit dem Priesterrat und dem Diözesanrat in den Blick zu nehmen haben: was bedeutet es eigentlich, dass sakramentale Grundgestalt in Pfarrei und Dienstamt so wesentlich sind? Was unterscheidet es von bloßer klerikaler Macht, die wir unbedingt hinter uns lassen müssen? Und wie gestaltet sich der sakramentale Leitungsdienst des Priesters im Unterschied zu den klassischen Bildern klerikaler Kirche?

Viele Kommentare beziehen sich auf den zweiten Teil des Textes...

Hennecke: Spannend ist in dem Papier aber auch der erste Teil, der in der Diskussion bislang kaum zur Geltung kommt: sehr beeindruckend beschreibt der Text eine Umkehr des pastoralen Denkens und des Bildes der Pfarrei. Das entspricht in vielem den Orientierungen der Lokalen Kirchenentwicklung als einem sendungsorientierten Kirchenverständnis.

Wie geht es aus ihrer Sicht weiter?

Heimann: Bei all dem Unverständnis muss ich aber anerkennen, dass mir das Bild einer sich öffnenden Gemeinde, „einer Gemeinde der Nähe, der Barmherzigkeit und der Sorge“ gut gefällt. Im Bistum Hildesheim haben wir dafür den eher nüchternen Begriff der lokalen Kirchenentwicklung, die eine Kirche vor Ort bei den Menschen anstrebt. Ich fühle mich daher bestärkt darin, den Weg weiterzugehen, den wir begonnen haben. Einen Weg, der geprägt ist von Kollegialität und gemeinsamer Verantwortung und nicht von einem hierarchischen Denkmodell.

Hennecke: Es entspricht unseren Überlegungen, die neue Wirklichkeit einer postmodernen und virtuellen Gesellschaft mit neuen Formen und Gestalten kirchlichen Lebens zu ergänzen. Und vor allem stützt dies die Absicht unseres Bischofs, unser kirchliches Leben neu zu sehen und zu gestalten aus der Perspektive der Verkündigung des Evangeliums im Blick auf unsere Gesellschaft und unsere Zeit: die Frage einer spirituellen Revolution, einer neuen Besinnung auf die Tiefe unseres Glaubens und einer Radikalität der Jüngerschaft, der neue Blick auf die „existenziellen Territorien“ und gerade besonders auf das Leben an der Seite der Armen – das bestärkt unseren pastoralen Weg enorm.

Gibt es noch etwas, das Sie anmerken möchten?

Hennecke: Ich finde, man merkt dem Dokument zwei Absichten an: zum einen ringt das Schreiben darum, Pfarrei neu zu beschreiben aus missionarischer Perspektive – ich finde, das sind die überzeugendsten Teile der Instruktion. Zum anderen: es geht darum, den sakramentalen Dienst neu in seiner Bedeutung zu erinnern – und das gelingt nur begrenzt, weil es klerikal und restriktiv wirkt.

Heimann: Das mit der missionarischen Perspektive teile ich. Aber manchmal ist es besser, etwas nicht zu schreiben, wenn man zu viel Interpretationsspielraum lässt und Unruhe damit erzeugt. Das scheint mir in diesem Fall auch so zu sein. Ich freue mich auf jeden Fall, dass wir im Bistum Hildesheim gemeinsam auf dem bisherigen Weg weitergehen können.