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Die Kirche ist "in der Welt" präsent und dafür engagieren sich die Menschen.

 - Prof. Dr. Ursula Bilitewski
Prof. Dr. Ursula Bilitewski, Durch Bischof Trelle berufenes Mitglied

"Und wo sind die einfachen Gläubigen?"

Winfried Quecke. Foto: privat.

Winfried Quecke, Miriam Albers und Kathrin Brauner vertreten den Diözesanrat im ZdK. Foto: ZdK

Es geht um eine Erneuerung der Kirche. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) haben deshalb zum Synodalen Weg eingeladen. Rüdiger Wala hat darüber mit Winfried Quecke gesprochen, der für den Diözesanrat im ZdK sitzt.

200 Delegierte, gut die Hälfte Priester und Bischöfe, Funktionäre des ZdK, wenige Frauen: Zeigt die Versammlung zum Synodalen Weg nicht ein anderes Bild von Kirche als die Wirklichkeit in den Gemeinden und Verbänden? Kommen die einfachen Gläubigen zu kurz?

Schon ein kurzer Blick auf die hohe Zahl der Kleriker macht klar: Das ist keine realistische Abbildung unserer Kirche. Wogegen ich mich aber wehre, ist der meistens negativ verwendete Begriff „Funktionäre“. So sind die Vertretungen der Diözesanräte überwiegend Menschen, die beruflich nicht bei der Kirche beschäftigt sind, sondern in ganz normalen Berufen: Banker, Förderschullehrer, Biochemiker und andere. Dazu aber engagiert in Pfarrgemeinden, Verbänden oder geistlichen Gemeinschaften.

Auch Religionslehrer wie Sie, also Menschen an der Schwelle von Kirche, Schule und Gesellschaft, sind wenige zu finden. Schmort der Weg nicht zu sehr im eigenen Saft?

Es lohnt genauer auf die Teilnehmenden zu sehen: Viele Vertreter der Räte sind in gesellschaftlichen Bereichen tätig, dazu auch Lehrende an den Hochschulen und nicht nur aus der Theologie. Und bei den zusätzlichen Mitgliedern steht ja kein Beruf dabei, von daher vermute ich hier noch weitere Menschen, die genau diese Erfahrungen mitbringen.

In den vergangenen Monaten wurde von Befürwortern und Kritikern eine kontroverse und teilweise sogar unversöhnliche Debatte über den Synodalen Weg geführt. Hat das dem Prozess schon vor seinem offiziellen Start geschadet?

Ja, natürlich, das war ja auch die Absicht der Kritiker. Es gibt Menschen, die ein Kirchenbild vertreten, dass christlicher Glaube ein verschnürtes Paket mit einer 2000 jährigen, unveränderten Tradition sei. Dieses sei nur so weiterzugeben, weil die katholische Kirche ja allein im Besitz der einzig gültigen Wahrheit wäre. Bei dieser Sicht braucht es in der Kirche keine Diskussion, sondern nur Unterwerfung im „kindlichen Gehorsam“. Die Kirche, die sich selbst immer wieder reformiert, die neue Wege geht, um auf die jeweilige Zeit zu reagieren, die Irrwege korrigiert – all das kommt in diesem Denken nicht vor, war aber schon immer Teil der Kirchengeschichte.

Decken für Sie die vier Foren – „Macht und Gewaltenteilung“, „Sexualmoral“, „Lebensform der Priester“ und „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ – wirklich die „brennenden Themen“ ab? Oder ist das eher eine binnenkirchliche Nabelschau?

Die gefundenen Schwerpunkte sind genau die, die jetzt vorrangig sind. Um es im Bild zu sagen: Wir sitzen in unserem „Laden“ und freuen uns von Herzen an unserem „Produkt“. Die Liebe Gottes zu den Menschen, Mensch geworden in Jesus Christus, vergegenwärtigt durch die Sakramente, all das haben wir im Angebot. Nur die „Kundschaft“ bleibt aus. An der Fassade unseres „Geschäfts“ steht nämlich: sexistisch, homophob, lustfeindlich, Leitungsstrukturen wie zur Zeit des Absolutismus bzw. der Dreiständeordnung. Dazu noch ein paar sehr hässliche Flecken, die sexualisierte Gewalt durch leitende Mitarbeiter unserer „Firma“ deutlich machen.

Vor dem Hintergrund dieses „Schaufensters“: In welche Richtung soll es gehen?

Ich bin sehr dafür, dass wir uns Gedanken machen, wie evangelisierende Pastoral unter den Bedingungen unserer heutigen Gesellschaft aussehen kann. Aber leider habe ich den Eindruck, dass häufig die Forderung nach „Evangelisierung“ nur erhoben wird, um die in den Foren angesprochenen Themen auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben.

Der Synodale Weg kennt mindestens zwei große Hindernisse. Das erste: Die Bischöfe haben laut Satzung nicht nur die Möglichkeit, die Umsetzung der Beschlüsse in ihrem Bistum zu verhindern. Auch bei den Abstimmungen in der Synodalversammlung sind ihre Stimmen mehr wert als die Stimmen der anderen Delegierten. Wird dieses Ungleichgewicht den Prozess belasten?

Das werden wir in der Praxis sehen. Wenn die Versammlung mit Zwei-Drittel-Mehrheit einer Vorlage zustimmt, diese dann aber nur an der Ein-Drittel-Sperrminorität der Bischöfe scheitert, die in der Satzung vorgesehen ist, vermute ich, dass dies faktisch das Ende des Prozesses bedeuten würde. Alle Bischöfe sollten sich hier ihrer Verantwortung bei der Stimmabgabe sehr bewusst sein. Ich verstehe diese Spezialklausel für die Bischöfe ohnehin nicht. Wenn ich als Bischofskonferenz einen solchen Prozess initiiere, zum offenen Gespräch einlade, warum dann nur diese Ängstlichkeit, die hier deutlich wird?

Das zweite Hindernis: Ob Zölibat oder Sexualmoral – am Ende muss der Vatikan entscheiden. Droht der Synodale Weg dann nicht zu einem Muster ohne Wert zu werden?

Einspruch: Am Ende entscheidet nicht der Vatikan. Es entscheiden die Gläubigen in Deutschland. Wenn der Prozess nicht substantielle Änderungen mit sich bringt, werden die kommenden Generationen vermutlich „mit den Füßen abstimmen“. Dann gehen wir – soziologisch gesprochen – den Weg zu einer „Sekte“. Beispiel Schwangerenkonfliktberatung: Gegen den Rat fast aller deutschen Bischöfe und der Laienvertretungen befahl der Vatikan den Ausstieg aus dem staatlichen System. Ergebnis ist zwar die „reine Lehre“, dem Anliegen des Lebensschutzes in unserer Gesellschaft wurde aber schwer geschadet. Es wäre den vatikanischen Behörden zu wünschen, dass sie sich des Subsidiaritätssprinzips der katholischen Soziallehre erinnern: Was die kleinere Einheit regeln kann, da soll sich die größere Einheit heraushalten.

Sie sind vom Diözesanrat der Katholik*innen als Vertreter gewählt worden. Was möchten Sie als Ideen, als Impulse einbringen, die durch das Bistum Hildesheim geprägt sind?

Die Erfahrung einer Ortskirche, in der es fast kein „katholisches Milieu“ mehr gibt, in dem ich wie selbstverständlich aufwachse, und in der Glaube daher eine sehr bewusste Entscheidung darstellt, die sich vor meinem Verstand und in meiner Umwelt verantworten lässt.

Was erhoffen Sie sich persönlich vom Synodalen Weg? Was sollte am Ende des Prozesses anders sein?

Auf Bistumsebene: Ich wünsche mir eine veränderte Leitungsstruktur im Bistum mit deutlich mehr Partizipation von Laien, die nicht unbedingt im kirchlichen Dienst stehen. Einen Diözesanrat, der bei strategischen Fragen frühzeitig eingebunden wird und nicht erst wenn Bischof, Domkapitel und das Generalvikariat schon entschieden haben. Finanzgremien auf Bistumsebene, deren Mitglieder ausschließlich gewählt sind und die nicht auf der Gehaltsliste des Bischofs stehen. Laien als Gemeindeleitungen und Priester, die sich als Wegbegleiter verstehen. Die Möglichkeit, dass alle Sterbebegleiter die Krankensalbung spenden können und nicht nur der Priester.

Das sind Hoffnungen für unsere Diözese. Und für den synodalen Weg insgesamt?

Auf Bundesebene hoffe ich auf klare Stellungnahmen, die in die Richtung der ZdK-Beschlüsse gehen: Geschlechtergerechtigkeit bei der Weihe, Aufhebung der Kopplung von Gemeindeleitung/ Priesteramt und Zölibat, die Akzeptanz von homosexueller Praxis usw. Es muss sich durch den synodalen Weg etwas verändern, es ist kein Gesprächsprozess nach dem Motto „Gut, dass wir mal darüber geredet haben“.

Fragen: Rüdiger Wala

KIZ, 5.1.2020