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Eine lebendige Kirche die den Menschen nahe ist, die die Zeichen der Zeit erkennt und sich mutig auf den Weg in die Zukunft begibt.

 - Gudrun Machens
Gudrun Machens, Vertreterin des Dekanatspastoralrates Nörten-Osterode.

Gleichheit wird infrage gestellt

Winfried Quecke, gewähltes ZdK Mitglied aus dem Diözesanrat, im Gespräch mit Rüdiger Wala (KIZ)

 

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat sich auf der letzten Vollversammlung intensiv mit der Partei Alternative für Deutschland (AfD) auseinander gesetzt. Warum?

Das ZdK hat nach seinem Statut die Aufgabe, gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten und die Anliegen der Katholiken in der Öffentlichkeit zu vertreten. Daher gab es in der Vergangenheit ja auch immer wieder Diskussionen um das Verhältnis AfD und ZdK, insbesondere was die Teilnahme von AfD-Funktionären bei Katholikentagen anging. Auf der letzten Vollversammlung hat nun der renommierte Göttinger Germanist Professor Dr. Heinrich Detering eine fundierte Analyse der Sprache von führenden AfD-Politikern vorgetragen. Dabei hat er sehr deutlich die demogogischen Züge bestimmter immer wieder kehrender Sprachwendungen herausgearbeitet.

Mehrfach hat der ZdK-Präsident Thomas Sternberg die AfD als rechtsradikal bezeichnet. Die Partei weise Parallelen zum Nationalsozialismus auf. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es gibt in der AfD Teile, „der Flügel“, die „Patriotische Plattform“, die „Junge Alternative“, die eindeutig bestimmte Werte unseres Grundgesetzes ablehnen: Das hat sie jetzt verstärkt in den Blickwinkel des Verfassungsschutzes gerückt. Dort bestehen diverse Kontakte zu neo-nazistischen Gruppen und zu einer Subkultur, die unser politisches System ablehnt. Die Gesamtpartei trennt sich nicht in Gänze von diesem Personenkreis, um nicht einen wichtigen Teil ihres Wählerklientels zu verlieren. So wird dieser Teil der Partei gerade aufgefordert sich sprachlich zu mäßigen, um einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu entgehen. Als Historiker erinnern mich manche Formen des politischen Wirkens an die Zeit der Weimarer Republik: etwa die Verunglimpfung demokratisch gewählter Politiker, die Verrohung der Sprache oder das Kokettieren mit Gewaltanwendung als Mittel der politischen Auseinandersetzung.

Kann man Christ und Mitglied der AfD sein? Der evangelische Landesbischof von Hannover, Ralf Meister, sagt ja.

Es wäre jetzt einfach mit Papst Franziskus zu sagen „Wer bin ich, um zu urteilen?“. Aber ich würde schon mit jedem christlichen AfD-Anhänger diskutieren, ob die Aussagen der AfD sich mit den zentralen Botschaften des Christentums verbinden lassen. Die Bibel ist voll mit Berichten von Vertreibung und Zuwanderung, sei es Abraham, der Exodus, Rut oder auch die Flucht nach Ägypten. Wie kann ich da als Christ mich der Forderung nach Hilfe für Menschen in Not verweigern? Die Fehleinschätzung besteht für mich darin, wenn eher konservativ eingestellte Christen glauben, in der AfD einen Bündnispartner zu haben. Wer beispielsweise meint, in der Abtreibungsfrage mehr als den gegenwärtigen Kompromiss herausholen zu können, ignoriert den Wandel in unserer Gesellschaft.

Was macht für Sie die Gefährlichkeit der AfD aus?

Bei der AfD wird der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes infrage gestellt und nach Ethnie, Religion, Hautfarbe und ähnlichem unterschieden. Wenn Alexander Gauland Jerome Boateng, den deutschen Fußballnationalspieler, nicht als Nachbarn haben möchte, so ist das schlicht rassistisch. Zudem wird einem neuen Nationalismus gefrönt. Dabei ist der Nationalstaat eigentlich historisch gesehen ein recht junges Gebilde. Das „Hl. Römische Reich deutscher Nation“ umfasste ganz verschiedene Ethnien und Sprachen. War Karl der Große ein Deutscher oder ein Franzose? Nikolaus Kopernikus Deutscher oder Pole? Hier wird jetzt etwas glorifiziert, was lange Zeit „unserer“ Geschichte überhaupt nicht existierte. Es gibt jedoch über die AfD hinaus ein Problem: Der Diskurs verschiebt sich nach rechts und eigentlich demokratische Parteien wie die CSU meinen, durch Nachahmung der AfD Stimmen vom rechten Rand gewinnen zu können.

Wie können sich Katholikinnen und Katholiken gegen solche Formen von Populismus wehren?

Generell für eine Grundlage unserer Demokratie werben, die sachliche Auseinandersetzung in der Politik, verbunden mit der Pflicht zum Kompromiss. Am 26. Mai zur Wahl zum EU-Parlament gehen und eine pro-europäische Partei wählen. In den Gemeinden nicht nur Geflüchteten helfen, sondern auch Begegnungsmöglichkeiten schaffen, um Ängste vor vermeintlich Fremden abzubauen. Differenziert urteilen.

Was heißt das konkret?

Wenn es zum Beispiel um Übergriffe durch Migranten geht: Ist das Problem wirklich eine andere „Kultur“ oder nicht das Gehabe junger Männer in Zusammenhang mit zu viel Alkohol – unabhängig von der Herkunft? Das deutliche Wort nicht scheuen: nicht alles ist nur „Populismus“, sondern zum Teil eine neue Form des Rechtsextremismus. Aber auch nach den Ursachen der AfD-Erfolge zu fragen, so ist immer wieder die Gerechtigkeitsfrage zu stellen: Welche Einkommensgruppe würde am meisten bei einer vollständigen Abschaffung des „Soli“ profitieren? Oder wie können wir dem Ausbluten des ländlichen Raumes entgegenwirken, wenn wir – wörtlich genommen – „die Kirche im Dorf lassen“?