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 - Dr. Christian Hennecke
Dr. Christian Hennecke, Bischöflicher Beauftragter

Wenn Autorität zerstört ...

Doris Reisinger (geb. Wagner) referierte zum geistigen Missbrauch. Foto: Stelzig

Doris Reisinger (geb. Wagner). Foto: Wala

Wann beginnt sexueller Missbrauch? Erst mit der Tat oder beginnt die Gewalt früher – zum Beispiel durch spirituelle Manipulation, begünstigt durch die Machtstrukturen in der Kirche. Eine Tagung befasste sich mit dieser Frage.

Die Theologin Doris Wanger lässt die fast 100 Zuhörer der Fachtagung im Tagungshaus St. Clemens an ihrer Lebensgeschichte, aber auch an ihren Erfahrungen und Gesprächen teilhaben. Veranstalter der Tagung sind die Katholische Erwachsenenbildung Hannover und der Diözesanrat der Katholiken.

Acht Jahre lang war die heute 36-Jährige als junge Frau Mitglied von „Das Werk“ – einer päpstlich anerkannten geistlichen Gemeinschaft mit ordensähnlichen Strukturen. Die Mitglieder der in Männern und Frauen getrennten Gemeinschaften schließen ein „heiliges Bündnis“ mit dem Herzen Jesu in den drei evangelischen Räten, durch das sie sich Gott weihen. So ist es im Einrichtungsdekret des Werkes zu lesen.

Doris Wagner wurde dort Opfer von Gewalt – sexuell und spirituell wie sie erläutert. Damit erweitert sie den Blick der Tagung, die den Skandal der sexualisierten Gewalt in der Kirche zum Thema hat, um einen Aspekt, der in den Machtstrukturen der Kirche steckt. Missbrauch in der Kirche fängt nicht erst mit sexuellen Übergriffen, sondern bereits früher an: „Es gibt Menschen, deren Leben durch geistliche Autoritäten zerstört wurde, ohne dass sie jemals sexuellen Missbrauch erlebt haben.“


Wagner unterscheidet drei Formen des spirituellen Missbrauchs: Vernachlässigung, Manipulation und Gewalt. Sie bauen aufeinander auf: Oft fange der Missbrauch damit an, dass Ratsuchenden Antworten auf persönliche Nachfragen nach dem Sinn des Lebens verwehrt würden. Auf das bewusste Ignorieren folgten geschickte Manipulationen und letztendlich Gewalt: Dann wird mit Berufung auf geistliche Autorität ein Ratsuchender gezwungen, etwas zu tun, was er nicht will. Spiritueller Missbrauch schafft ein Geflecht, das Menschen in die Verzweiflung treibt, sogar ihre Persönlichkeit auslöschen kann. Einige dieser Missbrauchsgeschichten deutet sie auf der Tagung an, zahlreiche weitere lassen sich in ihrem Buch „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ nachlesen, für das sie mit Betroffenen gesprochen hat. Für Doris Wagner muss die Katholische Kirche reagieren – ähnlich wie beim Skandal der sexualisierten Gewalt – mit „Präventionsangeboten und Aufarbeitung, mit Studien und Forschung, mit Überprüfung der Strukturen. „Aber auch die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden“, fordert Wagner.

„Nur die Spitze des Eisbergs“


Welchen Ansatz eine solche Studie haben muss, zeigt im weiteren Verlauf der Tagung Prof. Dr. Harald Dreßing. Der forensische Psychiater ist Verbundkoordinator der sogenannten MHG Studie, zum „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz.“ Für Dreßing war der Ansatz umfassend, die Ergebnisse zum Teil ernüchternd: „Wir haben Hinweise gefunden, dass in der Vergangenheit Akten teilweise vernichtet oder manipuliert wurden.“ Zudem müsse immer wieder betont werden: „Die ermittelte Quote ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Die MHG-Studie spricht von mindestens 1670 beschuldigten Geistlichen und 3677 missbrauchten Minderjährigen.

Wie Wagner stellt Dreßing heraus, dass es sich auch beim Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker nicht um das Fehlverhalten Einzelner handelt. Das Augenmerk sei auf die spezifischen Strukturmerkmale der Kirche zu legen. Zudem warnt er davor, das „es sich nicht um ein historisches Problem handelt.“ Der sexuelle Missbrauch durch Kleriker sei ein anhaltendes Problem: „Weitere Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention sind dringend notwendig.“

Das werde auch geschehen, verspricht Andrea Fischer, die unabhängige Leiterin des bischöflichen Beraterstabs in Fragen sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim. Nicht nur in der Diözese werde Aufarbeitung und Prävention konsequent fortgesetzt. Sie verweist auf das Angebot der deutschen Bischöfe, einen synodalen Weg zu gehen: „Da wird es auch um eine Kernfrage gehen – die der Macht und der Kontrolle.“

 

Rüdiger Wala. Erschienen in der KIZ 30. Juni 2019

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