„Die ignorierten Frauen der Bibel“: Dr. Annette Jantzen begeistert über 160 Gäste

Ein volles Haus und ein Thema, das den Nerv der Zeit trifft:

Über 160 interessierte Gäste aus dem gesamten Bistum kamen am 1. Juli in der Dombibliothek Hildesheim zusammen, um eine inspirierende Lesung und Diskussion mit der bekannten Theologin Dr. Annette Jantzen zu erleben. Unter dem Leitgedanken ihres Blogs „Gottes Wort weiblich gelesen“ warf die Referentin einen kritischen, fundierten und gleichermaßen ermutigenden Blick auf die aktuelle katholische Leseordnung und die Rolle von Frauen in den biblischen Texten.

Strukturelle Leerstellen: Wenn Frauen aus der Leseordnung verschwinden

Dr. Anette Jantzen legte in ihrem Vortrag eindrucksvoll dar, dass die offizielle Leseordnung der Kirche von Männern verfasst wurde – mit spürbaren Konsequenzen für die Sichtbarkeit weiblicher Glaubenszeugnisse. Viele Texte, die Frauen ins Zentrum rücken, tauchen in den Gottesdiensten schlichtweg nie auf. Überhaupt wird in den regulären Lesejahren nur rund ein Drittel der gesamten Bibel abgedeckt.

Besonders drastisch zeigt sich dieses Missverhältnis im Alten Testament: Von insgesamt 60 Frauen, die dort eine eigene, prägende Geschichte haben, sind innerhalb der dreijährigen Leseordnung gerade einmal vier vorgesehen – eine einzige Frau pro Jahr. Das, so Jantzen, sei schlichtweg nicht genug.

Zudem kritisierte sie die psychologische Tendenz bei Textkürzungen: Werden Passagen über Frauen redaktionell gekürzt, hinterlässt dies oft ein negativeres, düstereres Bild der jeweiligen Person. Bei Kürzungen in Texten über Männer hingegen verändere sich die Wahrnehmung meist ins Positive. „Die Leseordnung ist in ihrer jetzigen Auswahl strukturell frauenfeindlich – das muss man so klar benennen“, resümiert Pfarrer Matthias Eggers.

Ermutigung für Lektorinnen: Mut zur Vollständigkeit und Selbstständigkeit

Ein zentrales Anliegen des Abends war es, den Anwesenden – und insbesondere den Lektor*innen – neues Selbstbewusstsein für den Umgang mit der Schrift zu vermitteln. Jantzen erinnerte daran, dass die offizielle Leseordnung verpflichtend nur für die Eucharistiefeier gilt. Bei Wort-Gottes-Feiern hingegen bestehen erhebliche theologische und liturgische Freiräume, von ihr abzuweichen.

Gleichzeitig ermutigte sie dazu, biblische Texte in ihrer Ganzheit zu lesen, anstatt an vermeintlich vorgegebenen Versgrenzen haltzumachen: Sind Texte gefühlt zu früh zu Ende oder wurden wichtige einzelne Zwischenverse weggelassen? Dann sollte man mutig weiterlesen. „Wer sollte Ihnen ernsthaft einen Vorwurf daraus machen, einen biblischen Text vollständig vorzulesen?“, so die Referentin. Das Ziel müsse ein selbstbewusstes und selbstständiges Lesen der Bibel sein.

Impulse und Ressourcen für eine geschlechtergerechte Kirche

Der Abend endete mit dem dringenden Aufruf, die Bibel wieder selbstständig zu entdecken und mit weiblicher Perspektive neu zu lesen. Für alle, die nach konkreten Alternativen und einer geschlechtergerechten Liturgie suchen, wurden am Abend wertvolle Netzwerke genannt:

  • Die Frauenkommission der Diözese Linz bietet hierzu eine wichtige Plattform und stärkt Frauen in ihrer Autonomie vor Ort.
  • Auf der Schweizer Plattform Gleichwuerdig.ch findet sich zudem eine vollständig ausgearbeitete, alternative Frauenleseordnung. Alternative Leseordnung mit Frauentexten - Gleichwürdig

Die enorme Resonanz von über 160 Teilnehmenden macht deutlich, wie groß der Wunsch nach Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und neuen Impulsen an der Basis des Bistums ist.

Die Veranstaltung wurde durchgeführt in Kooperation von:  Universität Hildesheim, Institut für Katholische Theologie, Bistum Hildesheim, Bibel im Bistum Hildesheim, Katholische Akademie des Bistums Hildesheim, Dombibliothek Hildesheim, Dekanat Hildesheim, Kfd – Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, Diözesanverband Hildesheim, Diözesanrat der Katholik:innen im Bistum Hildesheim, KEB in der Diözese Hildesheim e.V.