Gremienwahlen – Last oder Chance für unsere Kirche?
Diözesanratsvorsitzender Dr. Christian Heimann über die anstehenden Gremienwahlen.
Im November werden in unseren Pfarreien die Gremien – Pfarrgemeinderat, Kirchenvorstand, Pastoralrat und die Teams gemeinsamer Verantwortung – neu gewählt. Wir suchen Menschen, die ihre Begabungen einbringen, Verantwortung übernehmen und sich mit Herzblut engagieren. Dabei wissen wir: Wer sich heute für die Kirche einsetzt, wird in der Öffentlichkeit nicht selten für Fehler und Versäumnisse anderer mitverantwortlich gemacht.
Die Erwartungen an die Gremien sind groß. Viele wünschen sich wieder vollere Kirchen, mehr Kinder und Jugendliche im Gottesdienst, eine lebendige Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation. Gleichzeitig soll die Kirche gesellschaftlich Position beziehen, sich für Bedürftige einsetzen, regelmäßige Gottesdienste – besonders Eucharistiefeiern – ermöglichen und anstehende Renovierungen bewältigen. All das sind berechtigte Anliegen, doch angesichts des Mangels an Priestern und vor allem an engagierten Gläubigen wirken sie für viele kaum realisierbar.
Wie also können wir in einer solchen Situation Menschen finden, die kandidieren und sich zur Wahl motivieren lassen? Sind das nicht Gründe, auf Wahlen zu verzichten? Ich bin sicher, dass sich manche Pfarrei genau diese Fragen stellt und ernsthaft überlegt, wie es weitergehen kann.
Haben wir vielleicht zu hohe Erwartungen an die Mitglieder in den Gremien?
Wenn wir bei all den Erwartungen nur auf die Hauptamtlichen und die Mitglieder der Gremien schauen, wirkt die Aufgabe tatsächlich unlösbar. Niemand könnte diese Fülle an Wünschen allein tragen, ohne an die Grenzen der eigenen Kräfte zu stoßen.
Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, unser Kirchenbild neu zu betrachten. Das vertraute Bild früherer Jahrzehnte ähnelt einem Theater oder Kino: Viele sitzen in den Bänken und verfolgen, was „da vorne“ geschieht. Manche sind zufrieden mit dem Zuschauen, andere würden gern mitgestalten, dürfen aber nicht. Wieder andere sind enttäuscht vom „Programm“ und gehen – manchmal für immer. Und oft hören wir Sätze wie: „Wir sollten mal wieder …“, gemeint ist aber: „Die da vorne sollten doch mal …“.
Doch was wäre, wenn wir das „Programm“ gemeinsam gestalten? Natürlich braucht es auch Zeiten, in denen man einfach nur da ist, zuhört, mitfeiert. Aber es wäre ebenso bereichernd, wenn mehr Menschen die Chance ergreifen, aktiv mitzuwirken. Jede und jeder von uns hat von Gott besondere Gaben erhalten – davon bin ich überzeugt. Warum sollten wir diese nicht in unserer Pfarrei einbringen? Jede und jeder nach den eigenen Möglichkeiten: im Gottesdienst, in der Begegnung mit Menschen, in der Jugendarbeit, in der Caritas, in den Gremien – überall dort, wo Herz und Talent zusammenfinden.
Die Gremien haben dabei eine wichtige Aufgabe: Talente entdecken, fördern und Menschen Räume eröffnen, in denen sie ihre Fähigkeiten entfalten können. Dazu gehört auch, sich selbst manchmal zurückzunehmen. Gremien müssen nicht alles selbst tun – sie sollen Rahmen schaffen, begleiten und ermutigen. Im Fußball wären sie vielleicht so etwas wie Spielertrainer.
Dieser Weg ist nicht einfach. Er verlangt Mut, die Bereitschaft, auch einmal zu scheitern, und eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens und der Unterstützung. Allzu oft sehen wir noch den Mangel und den Abbruch, zu selten die Aufbrüche. Dabei gilt doch das Wort aus dem Propheten Jesaja: „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19)
Das Profil der Räte – Diversität als Chance
Manchmal wirkt die Entwicklung in unseren Pfarreien widersprüchlich: Einerseits scheint es immer weniger Menschen zu geben, die sich engagieren möchten, andererseits entstehen immer mehr Gremien. Neben den klassischen Räten – Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand – gibt es nun Pastoralräte und zusätzlich vor Ort die Teams gemeinsamer Verantwortung. Da drängt sich schnell der Eindruck auf, wir hätten nach den vielen Fusionen im Grunde dieselben Strukturen wie früher, nur unter neuen Namen – also alter Wein in neuen Schläuchen. Und dann stellt sich die Frage: Wie sollen wir überhaupt Menschen finden, die sich engagieren, wenn wir doch scheinbar immer weniger werden?
Genau hier liegt jedoch ein Denkfehler. Es geht nicht darum, die wenigen Engagierten auf immer mehr Gremien aufzuteilen. Ziel ist vielmehr, eine größere Vielfalt an Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen – Angebote, die vielleicht Menschen ansprechen, die sich in den bisherigen Strukturen nicht wiedergefunden haben. In dieser Vielfalt liegt eine große Chance. Jedes Gremium hat ein eigenes Profil und spricht unterschiedliche Menschen an.
Während Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand die gesamte Pfarrei im Blick behalten und strategische Leitlinien setzen, konzentrieren sich die Teams gemeinsamer Verantwortung stärker auf die konkrete „Kirche vor Ort“, eingebettet in die Lebenswelt der Menschen mit ihren Herausforderungen. Das Zusammenspiel gelingt dann besonders gut, wenn beide Ebenen einander wertschätzen und vertrauensvoll kooperieren. Die Gremien auf Pfarreiebene geben Orientierung und hören zugleich aufmerksam auf die Stimmen der lokalen Teams. Die Teams wiederum handeln nah an den Menschen ihres Sozialraums, ohne die Gesamtpfarrei aus dem Blick zu verlieren.
Je klarer das Profil der einzelnen Gremien erkennbar ist, desto leichter wird es, Menschen für ein Engagement zu gewinnen. Dabei stehen die Gremien nicht in Konkurrenz. Es gibt kein oben und unten. Sie ergänzen sich – jede Ebene auf ihre Weise. Und genau dann wird das Ganze deutlich mehr als die Summe seiner Teile.
Legitimation – Basis für mehr Verantwortung und breitere Akzeptanz
Wenn man die sinkende Wahlbeteiligung der vergangenen Jahre und die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Kandidatensuche betrachtet, könnte man schnell den Eindruck gewinnen, dass das Modell der Gremien an Attraktivität verloren hat. Die Mitarbeit scheint für viele nicht mehr reizvoll zu sein, und wenn sich am Ende nur so viele Kandidatinnen und Kandidaten finden wie Plätze zu vergeben sind, erscheint selbst der Gang zur Wahlurne manchem überflüssig. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass manche Pfarrei darüber nachdenkt, Wahlen auszusetzen oder Mitglieder eher zu benennen als wählen zu lassen.
Doch wenn wir als Gemeinde mehr Verantwortung übernehmen wollen, dann braucht dieses Engagement eine klare Legitimation – für die einzelnen Mitglieder ebenso wie für die Gremien insgesamt. Räte sind kein Freundeskreis. Sie sind Orte, an denen Menschen zusammenarbeiten, die sich für die Kirche verantwortlich wissen und von den Gläubigen dafür Rückhalt und Zustimmung erhalten. Wie diese Legitimation konkret zustande kommt, hängt von den Gegebenheiten vor Ort ab. Ich bin überzeugt, dass sich in den meisten Fällen gute und angemessene Wege finden lassen, wie die Gemeinde ihre Zustimmung ausdrücken kann.
Während für die Wahl des Kirchenvorstands enge rechtliche Vorgaben gelten, bietet die Wahl des Pfarrgemeinderates und der Teams gemeinsamer Verantwortung deutlich mehr Gestaltungsspielraum – und diesen sollten wir nutzen. Denn Transparenz darüber, wie Gremien entstehen, und eine möglichst breite Zustimmung bei der Auswahl der Mitglieder stehen in engem Zusammenhang mit der Akzeptanz ihrer Entscheidungen, besonders dann, wenn diese schwierig oder schmerzhaft sind.
Und selbst wenn sich tatsächlich nur so viele Menschen zur Wahl stellen, wie Plätze zu vergeben sind, kann eine hohe Wahlbeteiligung ein starkes Zeichen sein: Wir als Pfarrgemeinde stehen hinter euch. Wir tragen eure Entscheidungen mit – auch dann, wenn sie unbequem sind.
Offener und ehrlicher Dialog in den Gremien – Grundlage für gute Lösungen
Die Bereitschaft in Gremien mitzuarbeiten, hängt nicht nur von deren Bedeutung und Profil ab, sondern nicht zuletzt auch von der Art und Weise, wie wir innerhalb der Gremien miteinander umgehen. Sollen unsere Gremien attraktiv sein, brauchen wir eine Gesprächskultur, die eine Atmosphäre des offenen und ehrlichen Dialogs ermöglicht, damit sich jeder und jede mit seiner/ihrer Meinung einbringen kann. Auch wenn diese manchmal unbequem erscheint. Das erreichen wir, wenn die Mitglieder wertschätzend miteinander umgehen, gemeinsame Ziele verfolgen und um die beste Lösung ringen - sie sind aber weder Freundeskreise noch Interessensgruppe. Gremien sollen vielmehr ein Spiegelbild der Pfarrei sein, und die ist vielfältiger als die Sonntagsgemeinde.
Produktive Gremien leben von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder. Das führt zwar zu mehr Diskussionen bei der Lösungsfindung, aber ganz neue Ideen und Innovationen werden entstehen, und das macht eine Pfarrei lebendig und schlussendlich lebensfähig.
Ich lade alle ein, sich mit ihren Fähigkeiten und Begabungen einzubringen und unsere Kirche gemeinsam mitzugestalten. Dazu sind die Wahlen eine gute Möglichkeit. Gerade die jetzt zu wählenden Gremien haben die einmalige Chance, ein synodales Miteinander auf Ebene der Pfarrei und der Teams gemeinsamer Verantwortung umzusetzen. Wie auch in den zurückliegenden Jahren werden uns in den nächsten Jahren liebgewordene Gewissheiten in Frage gestellt, aber auch neue Chancen tun sich auf. Gerade jetzt brauchen wir starke Gremien, die die Gemeinde durch die hohe See steuern und das gelingt deutlich besser mit breiter Zustimmung und Akzeptanz innerhalb der Pfarrei.
Wenn sich viele einbringen, fördert das die Vielfalt in unserer Pfarrei, an unserem Kirchort, in unseren Gruppen. Dann gelingt eine Kirche des Aufbruches, eine Kirche der Freude Vieler – weniger eine Kirche der Last des Einzelnen. Wenn wir also das nächste Mal auf der Zunge haben „man sollte ...“, überlegen wir doch, ob wir nicht auch sagen könnten „wer möchte mit mir...“.
Dr. Christian Heimann
Vorsitzender des Diözesanrates der Katholik*innen im Bistum Hildesheim



